“Die Regierung verteilt Selbstmordpäcken und Antidepressiva, aber Gras ist immer noch verboten”

Zitat von Jasper aus: “Children of Men”, UIP, Kinostart: 09.11.2006

Ich komme gerade mit meiner Liebsten aus dem Kino. Es lief die Vorpremiere eines Filmes, von dem ich nie gedacht hätte, dass er es jemals in die Kinos geschafft hätte. Der Film war mir allein schon dadurch sympathisch, dass das Kino keinen Hinweis gebracht hatte, dass alle Zuschauer Verbrecher seien und dass man mich sofort verhaftet, wenn ich mitschneiden sollte….
Der Film startet mit einer Nachrichtenübertragung, die für uns schon alltäglich ist. Terroranschläge, Krieg, Verbrechen, doch dann spricht der Nachrichtensprecher die “Nachricht des Tages” aus: Der jüngste Mensch der Erde ist ermordet worden.

Der Film spielt im Jahre 2027 in einer trostlosen Welt, in der alle Frauen unfruchtbar sind, Krieg, Gewalt, Chaos und Terror herrscht. Selbstverständlich bis ins letzte kontrolliert und perveriert von der Regierung, die Medikamente mit dem Titel “Quietus - You Decide When” unter’s Volk bringt, damit jeder seinen eigenen Suizid schmerzfrei gestalten kann.

Der Protagonist Theo gerät jedoch durch seine untergetauchte und gesuchte Ex-Frau an ein Wunder: Er sieht eine schwangere junge Frau. Eine spannungsvolle und ekelhafte Atmosphäre begleitet den Rettungskampf des einzigen Babys der Welt über den gesamten Film, der von dem Greuel der Zuschauer lebt, den er erzeugt. Das Ende des Filmes bricht ebenso unverhofft über den Zuschauer ein, wie das unterschwellige Reuegefühl, was dann einsetzt, wenn man über den verstreuten, scharfen, eigentlich unpassenden britischen Humor lacht, kunstvoll eingeflechtet in der trostlosen, gewalttätigen und ungeheuerlichen Welt von Morgen.

Der Film ist definitiv nichts für einen gemütlichen Kinoabend. Er ist eigentlich ein “Klammer-Film” wie jeder zweitklassige Horror-Film, bei dem sich die Pärchen im Kino umarmen - wegen unbegründeter Angst vor Phantasiewesen oder unpersönlichen Schicksalen. Children Of Men ist aber anders: Hier entsteht unterschwellig nicht nur eine Angst, die überzeugend ist, sondern auch ein Hass. Der Film ist deshalb so überzeugend, weil er mit menschlichen Abgründen argumentiert und diese unverhofft direkt und ehrlich an den Tag legt. Bestes Beispiel bleibt Jasper, der langjährige Freund Theos, ein Aussteiger, ein “Drogenhändler”, der sich liebevoll um seine altersschwache und geistesabwesende Frau kümmert, der dem Zuschauer durch seine Ausstrahlung, seine Lebensfreude und sein Verhalten sympathisch ist. Als Jasper jedoch nach der Flucht von Theo mit der schwangeren Kee aus seinem Haus, selber mit seiner Frau und seinem Hund daheim bleibt, beschließt er das “Suizidpäckchen” anzuwenden. Bei seiner Frau, seinem Hund, sich selbst. Er tötet nur seine Frau und seinen Hund, auch wenn er sich damit eigentlich seiner eigenen Existenz beraubt. Kurz danach wird Jasper brutal von den Verfolgern ermordet. Davon lebt der Film und er braucht keine verherrlichenden Actionszenen, keine schnulzige Romanze, sondern nur den blanken Ekel, um den Zuschauer sehr gelungen zu fesseln.
Der Aufhänger des Filmes bleibt die kinderlose Gesellschaft. Doch macht er vor allem eines klar: Die Grausamkeit der Menschen und der Missbrauch von Macht in einer Gesellschaft ohne Hoffnung, ohne Zukunft. Ein in seiner Art seltener Film, der sich durch seine schnonungslosen Darstellungen deutlich vom Kino als Unterhaltungsmedium absetzt.

Fazit: Der Film überzeugt sogar mich. Und normalerweise sehe ich Kino als reine Unterhaltung, bisher konnte ich kaum einem Film eine ernsthafte Gesellschaftskritik abkaufen, aber durch diesen Film sind sogar meine Anforderungen hieran noch gewachsen. Und: Nicht enttäuscht worden. Aber: Nichts für schwache Nerven und vor allem nichts für einen lockeren, entspannenden Abend.

Erstmal drüber schlafen.

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